Partizipation und Kulturelle Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit an Beispielen des KJR München-Stadt
Ein Beitrag aus der Perspektive der Fachstelle Kinder, Kulturelle Bildung mit und von Kindern im KJR München Stadt
Partizipation gilt als zentrales Prinzip der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und ist zugleich ein Grundpfeiler gelingender Kultureller Bildung. Dass junge Menschen die Möglichkeit haben, ihre Freizeit, kulturelle Ausdrucksformen und ihre soziale Umwelt aktiv mitzugestalten, ist nicht allein ein pädagogisches Ziel, sondern ein Grundrecht und eine wesentliche Voraussetzung für Selbstwirksamkeit, demokratische Bildung und kulturelle Teilhabe.
Als Kulturpädagogin und Fachstelle Kinder beobachte ich häufig, dass Kinder und Jugendliche dort am stärksten wachsen, wo sie ernst genommen werden, Verantwortung übernehmen dürfen und ihre eigenen kulturellen Ausdrucksformen sichtbar machen können. Offene Einrichtungen wie beispielsweise vom KJR München-Stadt, bieten hierfür ideale Bedingungen.
1. Was bedeutet Partizipation in der OKJA?
Partizipation ist weit mehr als Mitmachen.
Junge Menschen bringen Ideen ein, treffen gemeinsame Entscheidungen mit Gleichaltrigen und/oder mit Fachkräften und übernehmen selbst Verantwortung für Teilprozesse oder Projekte.
In der Praxis handelt es sich um Aushandlungsprozesse, die sowohl Rechte – z. B. aus der UN-Kinderrechtskonvention – als auch pädagogische Haltungen berühren. Partizipation ist somit ein alltäglicher demokratischer Übungsraum.
2. Verbindung zwischen Partizipation und Kultureller Bildung
Kulturelle Bildung zielt darauf ab, ästhetische Erfahrungen, kreative Gestaltungsprozesse und die Entwicklung kultureller Identität zu ermöglichen. Sie ist nicht nur ein Workshop oder ein Projekt, sondern beschreibt den Zugang junger Menschen zu Ausdrucksformen, die ihnen erlauben, die Welt zu interpretieren und zu verändern.
Partizipation ist dabei Motor und Voraussetzung:
a) Partizipative kulturelle Prozesse stärken Selbstwirksamkeit
Wenn Kinder und Jugendliche kulturelle Projekte selbst mitgestalten – etwa Musik produzieren, Theaterstücke entwickeln, Graffiti gestalten – erleben sie unmittelbar, dass ihre Ideen Wirkung entfalten.
b) Kulturelle Bildung wird an Lebenswelten gekoppelt
Jugendkulturen (Hip-Hop, Gaming, Cosplay, Social Media, Skateboarding etc.) bieten Anknüpfungspunkte, um Kulturpädagogik lebensnah, inklusiv und authentisch zu gestalten. Partizipation bedeutet hierbei, dass Fachkräfte nicht Kultur vermitteln, sondern Räume öffnen, in denen Junge Menschen ihre Kultur leben.
c) Demokratische Bildung durch kulturelle Aushandlung
In vielen kulturellen Projekten müssen Rollen ausgehandelt, Gestaltungswege diskutiert und Ergebnisse bewertet werden – dies sind demokratisch-partizipative Lernprozesse.
d) Kinder- und Jugendkultur als Resonanzraum
OKJA nimmt Kinder- und Jugendkultur nicht nur wahr, sondern nutzt sie bewusst: Sie bietet Identifikationsmöglichkeiten, die pädagogisch aufgegriffen werden.
Kulturelle Ausdrucksformen dienen als Sprache, wenn die verbale Kommunikation an Grenzen stößt.
Gelingende Partizipation stärkt kulturelle Vielfalt (z. B. unterschiedliche Musikstile, Körperkulturen oder digitale Ausdrucksformen).
Die Verbindung von Kultureller Bildung und Partizipation ist deswegen so stark, weil beide Elemente auf Selbstbestimmung, Eigeninitiative und Perspektivwechsel beruhen.
3. Beispiele
In der Praxis der OKJA lassen sich vielfältige Beteiligungsformen beobachten, im Folgenden ein kleiner Auszug dazu aus den über 50 Einrichtungen des KJR München Stadt.
Kinderräte und Jugendgremien, die u.a. Entscheidungen über Freizeitangebote, Hausregeln oder Anschaffungen treffen
Natur- und Kulturtreff Rumfordschlössl
Kinder beteiligen sich im Rumfordschlössl regelmäßig an demokratischen Beteiligungsformaten wie dem Kinderrat und bringen sich aktiv in Projekte zu den Kinderrechten ein. Sie übernehmen Verantwortung im Offenen Treff, stellen Anträge beim Kinder- und Jugendforum oder moderieren Veranstaltungen wie kids on stage. Durch dieses vielfältige Engagement vertreten sie nicht nur eigene Interessen, sondern setzen sich auch für die Anliegen anderer Kinder ein. Partizipation wird so als gelebte Mitbestimmung erfahrbar und stärkt demokratische Kompetenzen sowie Selbstwirksamkeit.
©Nina Hartmann
©Nina Hartmann
©Nina Hartmann
Partizipative Raumgestaltung wie Graffiti-Wände, Genderräume, Spielplatz, Chill-Bereiche oder Skate-Elemente, Toleranzbank etc.
Spielhaus Sophienstrasse
Kinder und Jugendliche aus dem Spielhaus Sophienstraße gestalten den öffentlichen Raum rund um den Alten Botanischen Garten aktiv mit. In partizipativen Prozessen entstehen u.a. Graffitiwände, eine Open Stage, der Bau einer Toleranzbank, sowie Bepflanzungen und Chillecken. Die jungen Beteiligten entwickeln ihre Ideen gemeinsam, erarbeiten Entwürfe, treffen Entscheidungen durch Abstimmungen und übernehmen Verantwortung für die Umsetzung.
Unterstützt durch Pat*innen, etwa aus dem Kinder- und Jugendforum, realisieren sie ihre Projekte eigenständig oder begleitet. Der öffentliche Raum wird so zu einem Lern- und Gestaltungsfeld, in dem demokratische Teilhabe, Selbstwirksamkeit und gemeinschaftliches Handeln konkret erfahrbar werden.
Zum Instagram-Account des Spielhauses geht es HIER.
Pflanz-Aktion ©Kerstin Hof
Pflanz-Aktion ©Kerstin Hof
Graffiti Wand
Graffiti Wand
Karaoke ©Kerstin Hof
Toleranzbank
Medien-, Tanz-, Theater- Kunst- und Musikprojekte, bei denen Junge Menschen Inhalte selbst produzieren und im Wesentlichen selbst gestalten und mitwirken
KJR-MusikMobil
Das KJR-MusikMobil versteht sich als partizipatives Musikprojekt, in dem Kinder und Jugendliche aktiv kreative Prozesse gestalten. Im Mittelpunkt stehen gemeinsames Kreieren, Experimentieren und Ausprobieren – von Songwriting über Soundgestaltung bis hin zu inklusivem Musiktheater. Ob mit oder ohne konkretes Endprodukt: Entscheidend ist die aktive Mitwirkung der Teilnehmenden und ihre kreative Selbstbestimmung.
Zentrale Voraussetzung für gelingende Partizipation ist ein angstfreier Raum, in dem Ideen wertgeschätzt und ernst genommen werden. Die Haltung der Workshopleitung spielt dabei eine Schlüsselrolle, indem sie unterstützt, begleitet und Impulse gibt, ohne den kreativen Prozess zu dominieren. Auch der physische Raum wird bewusst einbezogen, da individuelle Wohlfühlorte die Kreativität fördern können.
Das MusikMobil fungiert somit als offenes Experimentierfeld, in dem unterschiedliche Ideen aufeinandertreffen, sich reiben und weiterentwickeln. Gerade diese Aushandlungsprozesse machen Partizipation erlebbar und ermöglichen das Entstehen neuer kreativer Ausdrucksformen.
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Köşk und Färberei
Partizipation bei Färberei & Köşk heißt, künstlerische Freiräume zu schaffen: Reale Orte für Experimente, Umwege und Visionen zur Verfügung stellen, wo Projekte in jugendlicher Eigenregie oder Peer-to-Peer umgesetzt werden, stets mit professioneller Begleitung. Wissen wird geteilt, Lernen geschieht auf Augenhöhe. Alle Angebote sind offen zugänglich, meist eintrittsfrei oder nach dem Prinzip „Pay what you can“.
In der dreistöckigen Färberei stehen vielfältige Werkstätten und ein Community-Dachgarten zum Mit- und Selbermachen bereit. Das Köşk dient als Veranstaltungs- und Präsentationsraum für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Workshops, aber auch mal als offenes Atelier und SPIELART-Festivalzentrum oder als Ort für Community-Projekte wie Chor, Orchester sowie Film- und Analogfotografie. Projektideen können jederzeit eingereicht werden.
Auch im öffentlichen Raum sind Färberei&Köşk aktiv – etwa mit dem Dösenöffner, der jährlichen Ausschreibung und Neubemalung der Flächen unter der Brudermühlbrücke inklusive Workshops. Oder im MaximiliansForum mit den „Offenen Ö_Werkstätten“. Was die Ö_Werkstätten sind? Diese lassen sich nicht erklären, sondern müssen erlebt werden – mehr dazu HIER!
Trailer „Wir sind Köşk & Färberei“: HIER.
Sowie Mitwirkung an Veranstaltungen von Konzerten, Open-Stage-Abenden bis hin zu Sport- oder Gaming-Events
LOA Lights of Art Kulturort
Junge Menschen beteiligen sich aktiv am Neuaufbau des Kulturraums LIGHTS OF ART und bringen ihre eigenen kreativen Ideen in konzeptionelle und gestalterische Prozesse ein. Sie übernehmen Mitverantwortung für die Öffentlichkeitsarbeit, entwerfen eigene Plakate und wirken an der Auswahl sowie Gestaltung des Veranstaltungsprogramms mit, darunter Konzerte, Open Stages und Workshops. Der Kulturraum wird so zu einem partizipativen Lern- und Erfahrungsfeld, in dem Jugendliche kulturelle Angebote nicht nur nutzen, sondern aktiv mitgestalten und Verantwortung übernehmen.
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Jugendtreff am Biederstein
Der Fokus des Jugendtreffs liegt auf offenen und strukturierten Tanztrainings sowie Musik- und Medienproduktionen, die in einem Peer-to-Peer-Modell organisiert sind. Jugendliche übernehmen die Rolle der Expert*innen, werden zu Multiplikator*innen ausgebildet und leiten Workshops, in denen sie andere Jugendliche von den ersten Tanzschritten bis hin zur Choreographie oder Songproduktion anleiten. Aus diesen informellen Lernprozessen entstehen Aktionen, Projekte und Events, die die Teilhabe an Jugendkultur fördern.
Ein Highlight ist die „School’s over Jam“ am letzten Schultag vor den Sommerferien – ein lebendiger Hotspot für Jugendkultur im öffentlichen Raum. Die kulturellen Schwerpunkte sind K-Pop, HipHop, J-Pop und Graffiti. Besonders wichtig ist das Projekt „Girlz4Girlz“, das Mädchen* und junge Frauen* in Jugendkulturen stärkt und gesellschaftliches Engagement fördert. Sie beteiligen sich aktiv an Aktionen wie dem „Day of the Girl“, „One Billion Rising“ und dem „CSD“ und gestalten den öffentlichen Raum mit.
Darüber hinaus werden digitale Freizeit- und Bildungsangebote in enger Zusammenarbeit mit den Jugendlichen entwickelt, um ihre Verantwortung und aktive Mitgestaltung zu unterstützen.
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Diese Beispiele verdeutlichen, wie kulturelle und partizipative Prozesse ineinandergreifen und die Entwicklung demokratischer Kompetenzen, sozialer Verantwortung und kreativer Gestaltungskraft fördern. Offene Kinder- und Jugendarbeit schafft damit Räume, in denen junge Menschen nicht nur beteiligt, sondern aktiv befähigt werden, Kultur und Gemeinschaft mitzugestalten.
4. Bedeutung für die professionelle Haltung
Für die Pädagog*innen bedeutet Partizipation eine Haltung, die geprägt ist von:
- Vertrauen in die Fähigkeiten junger Menschen
- Ambiguitätstoleranz (Ertragen von Unsicherheit und offenen Ergebnissen)
- Machtreflexion (bewusstes Zurücknehmen pädagogischer Kontrolle)
- Rollenflexibilität (Begleitung statt Anleiten, Unterstützen statt Vorgaben machen)
- Kultureller Sensibilität (Wertschätzung verschiedener kultureller Ausdrucksformen)
Eine partizipative und kulturpädagogische Orientierung verlangt also professionalisierte Beziehungsgestaltung und konsequentes Arbeiten in dialogischen Strukturen.
5. Bedeutung für die Lebenswelt
Durch Projekte der Kulturellen Bildung wirken junge Menschen nicht nur innerhalb der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aktiv mit, sondern auch in ihren Sozialraum hinein. Sie gestalten das Angebot der Einrichtungen mit und prägen damit unmittelbar ihre alltägliche Lebenswelt. So trägt der KJR mit seinen vielfältigen Einrichtungen, Fach- und Projektstellen maßgeblich dazu bei, die Vielfalt der kinder- und jugendkulturellen Ausdrucksformen Münchens sichtbar zu machen. Gleichzeitig bereichert dieses lebendige Spektrum das städtische Kulturleben insgesamt: Es entstehen Räume, in denen junge Menschen eigenständig kreativ handeln, sich austauschen und Verantwortung übernehmen. Dadurch wächst das Gemeinschaftsgefühl, die Partizipation wird gelebte Praxis, und die Stadt erlebt Kultur als etwas, das von allen mitgestaltet wird.
6. Fazit
Partizipation ist das Herzstück der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – und Kulturelle Bildung ist einer ihrer bedeutendsten Motoren. Beide Bereiche sind eng miteinander verflochten, da kulturelle Prozesse stets auch soziale, identitätsbezogene und demokratische Prozesse sind.
Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie nicht nur dabei, sondern entscheidend beteiligt sind.
Dort, wo junge Menschen ihre Kultur leben und gestalten dürfen, entsteht nicht nur kreative Freiheit, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. Offene Kinder- und Jugendarbeit schafft solche Räume innerhalb und außerhalb der Einrichtungen – niedrigschwellig, vielfältig, inklusiv und lebensweltnah.
Autorin: Kerstin Hof, Fachstelle Kinder, Kulturelle Bildung von und mit Kindern im KJR-München Stadt
Die Fachstelle Kinder hat ihren Schwerpunkt in der Kulturellen Bildung mit und von Kindern und fungiert als zentrale Schnittstelle für Kooperationen und Projekte innerhalb und außerhalb des KJR. Sie initiiert, organisiert und koordiniert vielfältige partizipative Formate der Kulturellen Bildung. Dazu zählen unter anderem das häuserübergreifende Projekt kids on stage, Übernachtungsaktionen im Deutschen Museum für KJR-Einrichtungen und Familien, ein Aktionstag im Haus der Kunst, den Musik- und Bühnenbereich beim trägerübergreifende Kinderkultursommer (KiKS) sowie die Koordination der KJR-Angebote in der Spielstadt Mini-München. Grundlage der Arbeit sind die UN-Kinderrechte sowie kommunale Konzepte zu Kultureller Bildung, Spielräumen, Mitsprache und Kinderfreundlichkeit. Partizipation wird dabei als durchgängiges Prinzip verstanden, das Kindern Mitgestaltung, Selbstwirksamkeit und kulturelle Teilhabe ermöglicht. Voraussetzung hierfür ist die enge Zusammenarbeit mit KJR-Einrichtungen, freien Trägern und kulturellen Institutionen.
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