Wie Kinder und Jugendliche München sehen – und warum ihre Perspektive unverzichtbar ist
Wie fühlt sich eine Stadt an, in der junge Menschen wirklich zu Hause sind? Eine Stadt, in der Wege nicht nur sicher, sondern vertraut sind; in der man auf dem Schulweg nicht an dunklen Unterführungen vorbeieilen muss; in der Parks Raum geben, um zu liegen, zu spielen, laut zu lachen, ohne beäugt zu werden. Eine Stadt, in der es Bänke gibt, auf denen Jugendliche bleiben dürfen, ohne dass sich Erwachsene sofort fragen, ob „da wieder etwas passiert“. In der Plätze nicht schon belegt sind von Regeln, sondern von Möglichkeiten.
Für Kinder und Jugendliche ist München kein abstrakter Ort, sondern Alltag: das Gedränge am Bus am Morgen, der vertraute kleine Laden, der Spielplatz, der nach fünf Uhr plötzlich leer und anders wirkt, die Tram, in der man hofft, nicht blöd angemacht zu werden, der Innenhof, in dem man heimlich Tricks mit dem Scooter übt, das eigene Viertel, das man Stein für Stein kennt. Sie spüren unmittelbar, wo sie willkommen sind – und wo sie eher geduldet werden. Und sie sehen, was funktioniert und was nicht – weil München für sie nicht aus Konzepten besteht, sondern aus konkreten Erfahrungen.
Kinder und Jugendliche erleben München unmittelbar. Sie bewegen sich täglich durch die Stadt und wissen genau, welche Wege funktionieren, welche Orte unsicher wirken und wo Angebote fehlen. Trotzdem wird über viele Themen, die sie betreffen, so gesprochen, als seien sie nicht Teil dieser Stadt. Dabei sind sie Expert:innen ihres eigenen Alltags – und ihre Erfahrungen zeigen oft früher als jede Statistik, wo Handlungsbedarf besteht.
Im Kern steht eine einfache Frage: Wie ernst nimmt eine Stadt die Menschen, die am längsten in ihr leben werden? Das Recht auf Beteiligung ist eindeutig formuliert – in der UN-Kinderrechtskonvention und im Sozialgesetzbuch VIII, das klar festhält, dass junge Menschen bei allen Entscheidungen einzubeziehen sind, die ihren Alltag betreffen. Dahinter steht ein grundlegender Gedanke: Kinder und Jugendliche sind Träger eigener Rechte und keine Anhängsel erwachsener Lebenswelten. München hat diesen Anspruch im Rahmenkonzept Kommunale Kinder- und Jugendpartizipation in kommunale Leitlinien übersetzt und damit deutlich gemacht, dass ihre Perspektiven nicht freiwillig berücksichtigt werden, sondern fester Bestandteil verantwortungsvoller Stadtentwicklung sind.
Doch ein Recht entfaltet nur Wirkung, wenn es im Alltag spürbar wird. Genau hier beginnt die Herausforderung. Viele junge Menschen wissen nicht, dass sie ein Mitspracherecht haben – und diejenigen, die es wissen, erleben oft, dass ihre Anliegen zwar gehört, aber nicht weiterverfolgt werden. Solche Erfahrungen hinterlassen den Eindruck, dass Beteiligung höflich erfragt, aber nicht ernsthaft gemeint ist. Die Folge ist eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich nur schließen lässt, wenn Beteiligung verlässlich organisiert, transparent kommuniziert und für junge Menschen nachvollziehbar gestaltet wird.
Mit dem neuen Rahmenkonzept zur Kommunalen Kinder- und Jugendbeteiligung hat München einen wichtigen Schritt unternommen. Der Stadtrat hat sich darauf verständigt, Beteiligung nicht nur freiwillig zu berücksichtigen, sondern sie systematisch zu verankern: in der Verwaltung, in den Stadtbezirken, in städtischen Gremien, bei den Trägern der Jugendarbeit und bei allen Vorhaben, die das Leben junger Menschen berühren. Das Konzept schafft Orientierung, definiert Zuständigkeiten und soll Beteiligungsverfahren verbindlicher und leichter zugänglich machen – auch digital. Es signalisiert: Beteiligung junger Menschen soll kein Einzelprojekt sein, sondern ein struktureller Bestandteil kommunalen Handelns.
Doch jedes Konzept ist nur so wirksam wie seine Umsetzung. Beteiligung braucht Zeit, qualifizierte Fachkräfte und ausreichende Ressourcen – genau daran fehlt es. Viele Beschäftigte berichten, dass ihnen neben ihrem Tagesgeschäft kaum Raum bleibt, Beteiligungsprozesse so zu gestalten, dass sie jungen Menschen wirklich gerecht werden. Forschung und Praxis zeigen zudem, wie schnell Beteiligung symbolisch wird, wenn Entscheidungen bereits feststehen oder durch langwierige Abläufe verzögert werden. Ein weiteres Risiko liegt in der Reichweite: Oft nehmen vor allem diejenigen teil, die ohnehin über viele Ressourcen verfügen, während gerade jene fehlen, die von Entscheidungen besonders betroffen wären. Damit Beteiligung nicht ungewollt Ungleichheiten verstärkt, setzt das Rahmenkonzept zu Recht auf niedrigschwellige Zugänge und klare Ansprechpartner:innen – doch ob dies gelingt, hängt entscheidend von langfristiger politischer Unterstützung und ausreichender Finanzierung ab.
Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, in der Unsicherheit zum Alltag gehört: Klimakrise, internationale Konflikte, steigende Lebenshaltungskosten und gesellschaftliche Spannungen prägen ihren Blick auf die Zukunft. Studien zur mentalen Gesundheit zeigen deutlich, wie sehr solche Entwicklungen junge Menschen belasten. Gleichzeitig leben sie in einer älter werdenden Gesellschaft, in der ihre Stimmen zahlenmäßig am schwächsten vertreten sind. Das birgt die Gefahr, dass ihre Anliegen im politischen Alltag weniger Gewicht erhalten. Wo junge Menschen jedoch erleben, dass sie nicht nur betroffen sind, sondern mitgestalten können, entsteht Orientierung. Und dort, wo ihre Ideen tatsächlich etwas verändern, wächst ein Gefühl von Einfluss, das ihnen hilft, sich in einer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden.
Wie Beteiligung in der Praxis aussehen kann, wird in München an vielen Orten sichtbar – im Rathaus, in den Stadtteilen, in Freizeiteinrichtungen und in den Schulen. Über die Jahre sind verschiedene Formate entstanden, die allerdings nur punktuell umgesetzt werden und in denen junge Menschen ihre Anliegen einbringen, Entscheidungen anstoßen und konkrete Veränderungen erleben. Die folgenden Beispiele verdeutlichen, wie vielfältig die Beteiligungslandschaft in der Stadt inzwischen aufgestellt ist:
Zentrale Beteiligungsformate in München:
Versammlungen, Konferenzen und Foren im Münchner Rathaus oder im Stadtteil
- Münchner Kinder- und Jugendforum im Rathaus
Seit 1990 treffen sich hier zweimal jährlich junge Menschen im Rathaus, diskutieren Themen aus ihrem Alltag, stellen Anträge und erleben, wie daraus konkrete Entscheidungen entstehen. - Mädchenkonferenz
Alle zwei Jahre kommen Mädchen zwischen zwölf und achtzehn Jahren zusammen, um ihre Sichtweisen und Bedürfnisse einzubringen – von Sicherheit bis Gleichberechtigung. - Kinder- und Jugendversammlungen in den Stadtteilen
Geld für gute Ideen- Kinder- und Jugendfonds
- „Junge Mikroprojekte“
Jugendliche können bis zu 500 Euro beantragen und eigene Ideen umsetzen – ein niederschwelliger Zugang zu finanzieller Beteiligung. - Kinder- und Jugendfonds „Lasst uns mal ran!“
Jugendliche entscheiden selbst über die Vergabe von Fördermitteln und gestalten unmittelbar mit, welche Projekte in den Stadtbezirken Aubing-Lochhausen-Langwied und Sendling umgesetzt werden. Weitere Infos HIER. - Pimp Your Project
Ein Förderprogramm der Stadtschüler:innenvertretung München (SSV). Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler in München und unterstützt die Umsetzung eigener Projektideen zur aktiven Mitgestaltung von Schule und schulischem Umfeld. - MünchenBudget
Beim MünchenBudget können Jugendliche ab 14 Jahren sowie Erwachsene mitmachen, indem sie eigene Projektideen einreichen, an der öffentlichen Abstimmung teilnehmen und sich an der Umsetzung ausgewählter Ideen beteiligen.
Sprechstunden im Kinder- und Jugendrathaus oder in den Stadtteilen mit den Kinder- und Jugendbeauftragten der Bezirksausschüsse
- Kinder- und Jugendrathaus
Seit 2023 feste Anlaufstelle im Rathaus. Kinder und Jugendliche können hier ihre Anliegen vorbringen, Fragen klären und nachvollziehen, wer in der Stadtverwaltung für welches Thema zuständig ist. - Feste Ansprechpersonen im Bezirksausschuss
Beteiligungsaktionen im Stadtteil (Beteiligung an Spielplatzgestaltung, Ran an die Stadtteil-Koffer!)
- „Ran an die Stadtteil-Koffer!“
Ein Projekt, in dem Kinder ihr Viertel erkunden, Beobachtungen dokumentieren und Vorschläge für Verbesserungen erarbeiten und öffentlich machen. - In mehreren Stadtbezirken können junge Menschen ihre Anliegen direkt im Viertel einbringen und gemeinsam Lösungen entwickeln, z.B. bei Beteiligungsaktionen an Spielplatzgestaltung
Mitbestimmung von Schüler:innen
Online-Mitbestimmung (Online-Jugendbefragung, u. diverse andere Online-Umfragen)
- Münchner Jugendbefragung
Regelmäßig beteiligen sich über tausend Jugendliche von 16-21 Jahren. Die Ergebnisse dienen der Stadt als wichtiger Kompass für jugendrelevante Entscheidungen.
Diese Beispiele machen deutlich: Wenn Beteiligung ernst genommen und gut begleitet wird, führt sie zu spürbaren Verbesserungen – und zu jungen Menschen, die spüren, dass ihre Stimme zählt und ihr Engagement Wirkung hat.
Die Erfahrungen junger Menschen zeigen sehr genau, wo München sicherer, gerechter und lebenswerter werden kann. Sie machen sichtbar, wo Wege verbessert, Treffpunkte geschaffen oder Räume geöffnet werden müssen, die nicht an Erwartungen oder Konsum gebunden sind. Zugleich wird deutlich, wie sehr eine Stadt gewinnt, wenn sie ihren jüngsten Bewohner:innen konsequent zuhört. Beteiligung ist dabei kein abgeschlossenes Verfahren, sondern eine Haltung: Sie entsteht durch Verlässlichkeit, Transparenz und die Bereitschaft, Entscheidungsprozesse zu teilen. Wo junge Menschen sehen, dass ihre Ideen etwas verändern, wächst Vertrauen – in die Stadt, in demokratische Prozesse und in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten.
Eine Stadt, die Kinder und Jugendliche einbezieht, stärkt nicht nur diejenigen, die heute heranwachsen, sondern auch ihre eigene Zukunftsfähigkeit. Beteiligung wird dann nicht als Projekt verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil eines Miteinanders, das die Bedürfnisse aller Generationen ernst nimmt.
Eine ausführliche Beschreibung der Projekte gibt es HIER.
Die Autorin Irmi Kurzeder ist Mitglied im Münchner Kinder- und Jugendforum
Das Münchner Kinder- und Jugendforum fördert die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Es schafft Räume, in denen junge Menschen ihre Anliegen einbringen, mit Politik und Verwaltung in den Dialog treten und Stadtgestaltung aktiv mitgestalten können.
Unterstützt und konzeptionell begleitet wird das Forum vom Arbeitskreis Kinder- und Jugendbeteiligung, einer trägerübergreifenden Kooperation. Der Arbeitskreis fördert die fachliche Weiterentwicklung, Vernetzung und Qualität von Beteiligungsformaten und setzt sich für deren nachhaltige strukturelle Verankerung ein.
Das Münchner Kinder- und Jugendforum ist beim Verein Kultur & Spielraum e.V. angesiedelt.



