Die S27 – Über Kreativität, Community und Utopien

Wer die S27 in Berlin-Kreuzberg betritt, merkt sofort: Hier passiert etwas. In dem Backsteingebäude einer ehemaligen Plattenfirma summen Maschinen, es riecht nach frisch gekochtem Essen, Stimmengewirr erfüllt die Räume – Arabisch, Farsi, Madinka, Französisch, Deutsch. Menschen arbeiten, lernen, diskutieren, lachen miteinander. Hier und am zweiten Standort der S27 in Neukölln treffen täglich rund 130 Jugendliche und junge Erwachsene aus aller Welt aufeinander. Sie sind gekommen, um sich auf eine Ausbildung vorzubereiten – und finden in der S27 mehr als nur fachliche Qualifikation. Sie finden Gemeinschaft, Ausdrucksmöglichkeiten, neue Perspektiven.

Eine Werkstatt fürs Leben

Die S27 – Kunst und Bildung – von allen liebevoll „Schlesi“ genannt – ist seit ihrer Gründung in den 1980er Jahren ein Pionier in der außerschulischen, kulturellen Jugendbildung. Was einst als Träger interkultureller Bildungsprojekte begann, hat sich über die Jahre zu einem Ort entwickelt, der flexibel auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert. So entstanden in den 2010er Jahren kreative Berufsorientierungsprogramme speziell für Geflüchtete. Die S27 ist dabei keine Schule im klassischen Sinn. Und genau das ist ihre Stärke. Hier wird gemeinsam gekocht, gebaut, gestaltet, diskutiert. Statt von „Teilnehmer*innen“ sprechen wir von Trainees. Denn die Jugendlichen sollen nicht nur passiv konsumieren, sondern aktiv mitgestalten. Sie sind Mitdenkende, Mitgestaltende – gleichberechtigte Akteur*innen. Durch ihre aktive Beteiligung in einem partizipativen Bildungsprozess tragen sie zur gemeinsamen Produktion und Aushandlung von Wissen bei. Bestehende Narrative werden kritisch hinterfragt und kollektive Lernprozesse initiiert.

Partizipation – Anspruch und Herausforderung

Doch echte Teilhabe passiert nicht automatisch. Sie muss ermöglicht, begleitet und manchmal auch erkämpft werden. Viele der Jugendlichen, die zur S27 kommen, bringen traumatische Erfahrungen mit. Jahre auf der Flucht, instabile Lebensumstände, Unsicherheit über die eigene Zukunft – das alles hinterlässt Spuren. In dieser prekären Lebenslage wirkt die ständige Einladung zur Mitbestimmung nicht immer wie eine Befreiung, sondern kann auch überfordern. Partizipation muss geübt und vorsichtig erprobt werden. Sie muss auf der Bereitschaft der Jugendlichen gründen. Wer nicht schon als Kind nach seiner Meinung gefragt wurde, wird dies später nicht automatisch tun. Zudem ist es nicht überall normal, offen Kritik gegenüber Institutionen oder dem System zu äußern. Das braucht Zeit. Und Vertrauen.

Zudem ist Partizipation immer auch eine Frage der Sprache. Viele Trainees sprechen nur wenig Deutsch – sie bewegen sich auf A1- oder A2-Niveau. Ihre Gedanken, Sorgen und Ideen in einer Sprache auszudrücken, die sie gerade erst lernen, ist eine immense Herausforderung. Partizipationsformate, und vor allem auch Förderanträge, die sich speziell an Jugendliche richten, scheitern oft an dieser Sprachbarriere – obwohl gerade sie eine wichtige Brücke zur Selbstwirksamkeit wären. Dennoch macht es Sinn, alle Informationen bereitzustellen, gegebenenfalls eine*n Sprachmittler*in dazuzuholen, damit jede Person sich so viele Infos abrufen kann, wie er oder sie mag. Da alle unterschiedliche Interessen, Erfahrungen und Wissensstände mitbringen, braucht es zudem diverse Formate, die Mitbestimmung ermöglichen, so dass Trainees auf die Weise teilnehmen können, die für sie am besten passt.

Experimente und kalkuliertes Scheitern

Wichtige Momente für Partizipation finden in den Werkstätten der Projekte BILDUNGSMANUFAKTUR, ARRIVO Übungswerkstätten und BERLIN Karussell Lernwerkstätten statt. Das sind berufsorientierende Programme, in denen Jugendliche sich auf eine Ausbildung vorbereiten können. Die Kreativwerkstätten sind – neben Deutschkursen und sozialarbeiterischer Begleitung – fester Bestandteil des Angebots. Hier wird angelehnt an den Bauhaus-Vorkurs mit verschiedenen Materialien wie Holz, Metall, Textil, Ton, Malerei, aber auch neuen digitalen Medien wie Fotografie, Film und Musik experimentiert. Die Trainees bauen individuell oder in der Gruppe Prototypen, testen diese und entwickeln daraus Designobjekte, eine Filmkulisse, Kostüme, eine Performance. Dabei steht zwar das fertige Produkt im Fokus, aber genauso der Prozess. Scheitern ist nicht nur ok, sondern gehört dazu. Und die Lehrenden sind Teil des Forschungsteams und nicht die Allwissenden; Partizipation ist hier ein wechselseitiger Prozess.

Dies erfordert Selbstorganisation, Übernahme von Verantwortung und viele Aushandlungsprozesse. Man muss einzeln oder in der Gruppe nach Lösungen suchen, diese reflektieren und kommunizieren. Die Werkstätten sind Orte, die den offenen, respektvollen Austausch fördern, die angstfreies Sprechen und echtes Zuhören ermöglichen. Sie schaffen einen Raum für neue Denk- und Handlungsansätze durch das gemeinsame Nachdenken und über das Befragen bestehender Erzählungen. Neue, unerwartete Bilder entstehen dadurch, dass jede und jeder etwas dazugibt. Die methodische Struktur der Werkstätten unterstützt dadurch individuelle und zugleich gemeinschaftliche Erfahrungs- und Wissensproduktion, um auf diese Weise innovative und partizipative Bildungsprozesse gemeinsam zu entwickeln.

Das WELTSCHULHAUS – Lernen jenseits der Klassenzimmer

Ein Beispiel für besonders gelungene Teilhabe ist das Projekt WELTSCHULHAUS. Mit der These „Die ganze Welt ist ein Schulhaus“ wollen wir eine experimentelle Bildungsinitiative starten, und zeigen, dass nicht nur in der Schule gelernt wird, sondern genauso in non-formalen und informellen Kontexten. Ausgehend von dem Manko, dass Weltwissen von zugezogenen und geflüchteten Menschen sowie Impulse aus gewachsenen migrantischen Communities kaum einbezogen werden in hiesige Curricula und Bildungsplanungen, arbeiten wir im außerschulischen Bereich an einer „Feldforschung“ und erproben mit zahlreichen Akteur*innen aus dem In- und Ausland experimentelle Formen des Wissenstauschs.

Im WELTSCHULHAUS werden Lehrinhalte nicht von außen „vermittelt“, sondern gemeinsam mit sogenannten „Community Teacher“ erarbeitet. Diese Lehrer*innen sind selbst Geflüchtete oder Migrant*innen – häufig aus den gleichen Regionen wie die Trainees. Sie bringen sprachliche und kulturelle Nähe mit und ermöglichen dadurch einen anderen Kontakt zu den Jugendlichen; diese öffnen sich schneller und erfahren, dass sie sich nicht immer nur an das System hier anpassen müssen, sondern ihre Identität Wertschätzung findet.

LERNTISCHE – Angebote in Muttersprache

In kleinen Lerngruppen – den sogenannten Lerntischen – wird Wissen ausgetauscht, Nachhilfe in der Muttersprache gegeben, Computerkenntnisse geteilt, Resilienz gestärkt, Glück unterrichtet, gemeinsam gebacken, repariert, geboxt. Lernen wird hier als etwas Ganzheitliches verstanden – nicht in Fächer aufgeteilt, sondern eingebettet in Alltag und Beziehung. Dabei bieten auch Trainees Kurse an, teilen ihr Wissen und Know-How mit anderen Jugendlichen und Erwachsenen.

Ein zentrales Prinzip im WELTSCHULHAUS ist der Rollentausch: Die Trainees werden selbst zu Gastgeber*innen, Lehrer*innen, Verantwortlichen. Sie planen Feste, leiten Workshops, übernehmen Verantwortung für Gruppenprozesse. Diese Umkehrung der klassischen Bildungsrollen stärkt das Selbstvertrauen und lässt neue Perspektiven entstehen. Wer lernt, dass er selbst Wissen vermitteln kann oder Gäste willkommen heißt, fühlt sich nicht länger als Bittsteller, sondern als aktiver Teil der Gesellschaft.

Und es wird gefeiert – regelmäßig, laut, bunt. Ob beim Fastenbrechen, beim Nowruz-Fest, bei musikalischen Performances oder der zweimal jährlich stattfindenden Zeugnisübergabe. Man präsentiert die Ergebnisse aus den Werkstätten, zelebriert die einzelnen und gemeinsamen Erfolge, kocht und tanzt. Feste sind hier mehr als Dekoration – sie sind gelebte Gemeinschaft, Momente der Transition, der Sichtbarkeit und Anerkennung.

Bildung als Experiment und Abenteuer

Das WELTSCHULHAUS stellt eine grundlegende Bildungsfrage: Wo findet Lernen eigentlich statt? Viele der Jugendlichen waren jahrelang nicht in der Schule oder haben nie eine besucht. Sie erleben sich selber oft als „bildungsfern“, „ohne Abschluss“, „defizitär“. Die S27 stellt sich dagegen: Statt zu fragen, was fehlt, fragt sie: Was ist da?

Welche Erfahrungen bringen die Jugendlichen mit? Welche Fähigkeiten haben sie auf der Flucht, in ihrer Herkunftskultur, in ihrem Alltag entwickelt? Die Werkstätten der S27 werden so zu Orten der kollektiven Wissens-Inventur – gemeinsam wird überlegt, was man voneinander lernen kann. Bildung wird hier nicht von oben nach unten vermittelt, sondern entsteht im Miteinander.

Die Arbeit der S27 ist dabei auch eine stille, aber bestimmte Kritik am bestehenden Bildungssystem. Denn das klassische System stößt oft an seine Grenzen: Es teilt in Fächer auf und selektiert, sortiert, bewertet – häufig an normierten Maßstäben, die wenig mit den Lebensrealitäten vieler junger Menschen zu tun haben. Die S27 hingegen denkt Bildung als einen offenen, iterativen Prozess. Man stellt sich Fragen, probiert Dinge aus, verwirft sie wieder, kommt zu einem vorläufigen Ergebnis. Lernen ist hier ein Experiment, ein Abenteuer – nicht linear, sondern lebendig. Und alle sind eingeladen mitzugestalten, sich einzubringen und Bestehendes ständig neu zu hinterfragen. Dabei fördern gerade gemischte Gruppen interessanteste Prozesse, beleben den Austausch und bereichern Partizipation.

Utopien denken, Bilder schaffen

Ein weiteres zentrales Moment in der Arbeit der S27 ist die Kraft der Bilder. Gemeinsam mit den Jugendlichen werden Zukunftsvisionen entwickelt: Wie könnte eine gerechtere Welt aussehen? Welche Bilder haben wir von Zusammenleben, von Gesellschaft, von der Zukunft? In Kunstprojekten, Performances, Installationen und Workshops entstehen Gegenentwürfe zur oft bedrückenden Weltlage.

Denn Bilder haben Sprengkraft. Sie eröffnen neue Denk- und Dialogräume, sie machen Unsichtbares sichtbar. In einer Zeit, in der viele junge Menschen sich ohnmächtig fühlen, brauchen wir diese Bilder von Alternativen. Die S27 bleibt dran und setzt auf Utopien. Und eben auf Beziehung, auf Gemeinschaft, auf Schwarmwissen und kollektive Power. Denn Beteiligung braucht Community und Vertrauen – und das entsteht im Alltag: zwischen Werkzeugen und Kochtöpfen, zwischen Sprachkurs und Werkbank.

Mehr zur S27: www.s27.de
Mehr zum Weltschulhaus: www.weltschulhaus.org und www.s27.de/portfolio/initiative-weltschulhaus


Autorin: Jessy Medernach

Jessy Medernach hat Erziehungswissenschaften und Kinderrechte studiert. Seit über zehn Jahren leitet und initiiert sie Projekte im soziokulturellen Bereich, darunter CUCULA – Refugees Company for Crafts and Design, CLAN B und die Bildungsmanufaktur. Sie glaubt an die Potentiale von Jugendlichen und an die Möglichkeiten von Kunst und Bildung, um diese zu aktivieren.