DemokrARTie: Von der Kunst der Beteiligung

Alle reden über Partizipation – aber was genau meinen wir damit? Im deutschen Sprachraum werden zahlreiche Begriffe synonym verwendet: Beteiligung, Teilnahme, Mitwirkung, Mitbestimmung, Einbindung, Teilhabe, Selbstbestimmung, Mitgestaltung und viele mehr. Während im Englischen „participation“ als umbrella term fungiert, stehen hinter den deutschen Begriffen unterschiedliche Konzepte, die Intensität, Machtabgabe oder Wirksamkeit differenziert beschreiben wollen.1 Daraus entstehen nicht nur produktive Debatten, sondern auch Missverständnisse, enttäuschte Erwartungen oder Zweifel daran, ob und wie sich Gesellschaft partizipativ gestalten lässt. Besonders in der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bündeln sich diese Aushandlungen: Fragen nach Rahmenbedingungen, Qualitätsstandards und der Rolle Erwachsener – und schließlich die Frage, ob sich diese Überlegungen auch auf künstlerische Prozesse, insbesondere in den performativen Künsten wie dem Theater, übertragen lassen.

Um den Begriff der Partizipation handhabbarer zu machen, hilft die Unterscheidung zwischen Teilhabe und Beteiligung. Teilhabe ist ein Menschenrecht: das Recht, dem eigenen Leben Sinn zu geben und an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens mitzuwirken. Beteiligung hingegen beschreibt den Weg dorthin – die aktive Ermöglichung von Teilhabe. Beteiligung ist somit ein Prozess, der in Bewegung bleibt. Das zeigt sich historisch etwa an der Entwicklung des Wahlrechts in Deutschland: Frauen dürfen seit 1918 wählen, EU-Bürger*innen seit 1992 auf kommunaler Ebene, Menschen mit Behinderung seit 2019 uneingeschränkt, und in einigen Bundesländern können auch Kinder und Jugendliche unter 18 an Kommunal- oder Landtagswahlen teilnehmen. Doch reicht das Wahlrecht aus, um eine demokratische Gesellschaft mitzugestalten, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels?

Spätestens seit den Studierendenprotesten ab 1968, der Frauen-, Umwelt- und Behindertenrechtsbewegung wurde deutlich, dass vielen Menschen das Wahlrecht nicht genügt. Neue Formen der Partizipation und des Protests entstanden: Demonstrationen, Boykotte, Volksbegehren, aber auch künstlerische Interventionen. Sie machten sichtbar, dass Gesellschaft gerechter wird, wenn Regeln nicht von wenigen, sondern von möglichst allen mitgestaltet werden – und dass es dafür Räume braucht, in denen Beteiligung erlernt und erprobt werden kann. Genau hier setzt Kinder- und Jugendbeteiligung an.

Während Beteiligung in der Kinder- und Jugendhilfe durch das SGB VIII rechtlich verankert und als Qualitätsmerkmal anerkannt ist, bleibt politische Beteiligung junger Menschen gesellschaftlich und politisch umstritten. Häufig wird ihnen abgesprochen, aufgrund ihres Alters angemessene Entscheidungen treffen oder deren Folgen abschätzen zu können. Demgegenüber stehen gewichtige Argumente: Kinder und Jugendliche lernen demokratische Prinzipien, erwerben Kompetenzen wie Konfliktfähigkeit, Empathie oder Kompromissbereitschaft, erfahren Selbstwirksamkeit und übernehmen Verantwortung – Erfahrungen, die ihr späteres demokratisches Engagement nachhaltig prägen.

Rechtliche Grundlagen für Kinder- und Jugendbeteiligung sind auf vielen Ebenen vorhanden: die UN-Kinderrechtskonvention, europäische Strategien, Landes- und Kommunalverfassungen, das Baugesetzbuch; es gibt kommunale Kinder- und Jugendgremien, Beteiligungsprojekte auf allen Ebenen, Schüler*innenvertretungen und sogar Jugendbeteiligung in Bundesministerien.2 Dennoch berichten junge Menschen, dass Entscheidungen häufig ohne sie oder über ihre Köpfe hinweg getroffen werden und sie sich nicht gehört fühlen. Warum?

Ein zentrales Stichwort lautet: Macht. Macht beschreibt Kräfteverhältnisse, die auch in Demokratien ungleich verteilt sind, etwa aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Ressourcen, Sprache oder Alter. Bestimmte Perspektiven dominieren gesellschaftliche Debatten und definieren, was als „normal“ gilt. Diese Ungleichheiten sind meist historisch gewachsen und selten bewusst böse gemeint, werden aber vor allen von jenen, denen die Ungleichheiten nützen, kaum hinterfragt.

Wenn Kinder und Jugendliche nun sprichwörtlich die Bühne betreten und Mitgestaltung einfordern, geraten bestehende Machtverhältnisse in Bewegung. Junge Menschen sind eine Minderheit mit begrenzten Ressourcen, zugleich aber vielfältig, vulnerabel und von globalen Krisen besonders betroffen. Ihre Forderung nach Beteiligung bedeutet, Regeln neu zu verhandeln und verunsichert jene, deren Macht auf bestehenden Ordnungen beruht.

Konsequente Beteiligung von Kindern und Jugendlichen verändert daher nicht nur Ergebnisse demokratischer Prozesse, sondern auch deren Gestaltung. Und hier schließt sich der Kreis zur Kunst: Sowohl Kunst als auch Beteiligung sind nicht primär ergebnisorientiert. Sie leben vom Prozess, vom Ausprobieren, von Offenheit, vom kollektiven Arbeiten und vom Entwerfen alternativer Perspektiven auf die Welt. Beide stellen Macht- und Herrschaftsverhältnisse infrage und sind damit eine Zumutung für bestehende Regeln und jene, denen sie nützen. Kunst und Beteiligung müssen nicht nur formal gewollt, sondern als zentraler Beitrag zu gerechteren Lebensverhältnissen verstanden und gefördert werden. Demokratie lebt von der Kunst, sich auf neue Wege einzulassen – im Wissen, dass danach vieles anders sein wird: gerechter, lebendiger. Willkommen in der DemokrARTie.


1 Es gibt zahlreiche Modelle für Beteiligung, beispielsweise die „Partizipationsleiter“ (Hart 1992) oder die „Partizipationspyramide“ (Straßburger/Rieger 2014), deren Anwendung auf Kinder- und Jugendbeteiligung jedoch oft kritisch gesehen werden. Hier empfiehlt sich exemplarisch eher der Partizipationswürfel (Stange 2022) oder das Beteiligungsklavier (Ringler/Steffen 2022).
2 Zwischen 2021 und 2025 wurde auf Bundesebene im Rahmen der Nationalen Aktionsplans Kinder- und Jugendbeteiligung intensiv über die Möglichkeiten von Jugendbeteiligung im Verantwortungsbereich der Bundesregierung diskutiert und beraten. Die Ergebnisse des Aktionsplans sind auf jugendstrategie.de zu finden, ebenso eine Podcast-Reihe der Autorin dieses Beitrags, die in fünf Folgen die Ergebnisse vorstellt („22 Millionen: Kinder und Jugendliche im Fokus“).


Links:
Jugendstrategie der Bundesregierung
Podcast „22 Millionen“
Qualitätsstandards für Kinder- und Jugendbeteiligung


Autorin: Anna Grebe

Dr. Anna Grebe ist Beraterin für Jugendpolitik und Jugendbeteiligung. Sie forscht, lehrt, podcastet, publiziert und hält Vorträge und Workshops überall dort, wo Erwachsene zu echten Verbündeten für die Interessen von Kindern und Jugendlichen werden wollen. Sie war zu Gast als Speakerin im Rahmen eines Aktionsabends beim Rampenlichter-Festival 2025.

www.annagrebe.de